Zer­störer Rommel

Ein Jahr als Mannschaftsdienst

3. Quartal 1988 - Teamwork

Es war soweit, ich wurde auf den Zerstörer "Rommel" versetzt und sollte nun endlich die große, weite Welt bereisen. Wie in der Grundausbildung gelernt, ging ich die Reling bis zur Mitte, richtete mich der Heckflagge zu und grüßte diese militärisch. Das klappte ganz gut und mir wurde, nachdem ich die "Rommel" betreten hatte, vom UvD der Weg zu meinem Deck gewiesen. Es war nicht schwer das Heizerdeck der Mannschaften zu finden, man fiel förmlich den Niedergang hinunter. Unten angekommen sagte ich dann meinen in Brake gelernten Spruch auf - "Matrose Lange ins Deck". Super, auch hier schien ich nichts falsch gemacht zu haben, jedenfalls kamen keine diesbezüglichen Außerungen. Die Begegnung mit dem Decksbullen, einem kräftigen, gebräunten und tätowierten HG, war kurz und schmerzlos. Mit knappen Worten wurde mir mein Kojenzeug in die Hand gedrückt und auf die mir zugedachte Koje verwiesen. In dieser Ecke des Mannschaftsdecks waren auch die anderen E-Mixer untergebracht, welche mich und einen weiteren Neuen freundlich in Empfang nahmen.
Der E-Abschnitt bestand aus einem EO, einen EM, etwas mehr als einer Handvoll von Unteroffizieren und noch mehr Mannschaften - wie viele es genau waren, kann ich heute nicht mehr sagen. Jetzt wurde uns erklärt, dass einer von uns Neuen in die PUO-Pantry müsse, da i.d.R. der E-Abschnitt immer einen Mannschafts­dienstgrad für ein Quartal für die nicht gerade geliebte Tätigkeit abstellte. Warum aber ausgerechnet ich die PUOs bedienen sollte war dann wohl Zufall. Es dauerte jedoch nicht lange, und der EM nahm mich zur Seite und meinte, dass er gesehen hätte, dass ich keine ATN gleichzeitig jedoch einen SaZ 4 Antrag laufen hätte. Ohne ATN kein SaZ und auf freiwillige SaZs wollte / konnte die Marine dann auch nicht verzichten. Also sollte ich meine ATN an Bord nachmachen und wurde vom EM gefragt, was ich mir vorstellen könne, wie wir diesen kleinen Makel ausmerzen könnten. Ich muss ihn wohl völlig perplex angeguckt haben, jedenfalls entschied er, dass ich doch nicht in die POU-Pantry solle, da ich erst einmal mein Können im E-Abschnitt unter Beweis stellen müsse.
Nach dem ich mich schnell ans Bordleben gewöhnt hatte, musste ich eine extra abgesicherte Leitung für eine neue Steckdose im vorderen U-Deck verlegen. Dies war für mich als gelernten Elektroinstallateur natürlich kein Problem, jedoch sahen Kabel und Steckdose schon etwas anders aus. Dies lag daran, dass ich auf einem Schiff dienst tat, welches aus Amerika stammte und somit keine 220V sondern lediglich 115V Bordnetz hatte. Dem EM gefiel meine Arbeit - er hätte angeblich noch nie ein so sauber verlegtes Kabel gesehen - und er meinte, dass ich hiermit meine ATN verdient hätte. Es dauerte dann auch nicht lange, und ich bekam dies auch schriftlich. Auch musste ich nun das erste Mal zum IO, wie sich später noch zeigen sollte, jedoch nicht das letzte Mal. Der IO beglückwünschte mich zu meiner Entscheidung und übergab mir meine SaZ 4-Urkunde. Jetzt konnte eigentlich nichts mehr schief gehen, und ich sollte in Kürze zu meiner ersten Seefahrt aufbrechen.

Bild 2 von 3Auf meiner ersten Seefahrt mit dem Namen "Teamwork" erfuhr ich, wie es ist, auf Wache aufzuziehen. Auf einem Schiff müssen natürlich rund um die Uhr die einzelnen Stationen besetzt sein, sonst würde es ja zeitweise im Meer unbeaufsichtigt treiben. Es gab zwei Wachrhythmen.
Der 2er Stropp bestand aus Back- und Steuerbordwache. Dies bedeutete, dass die Hälfte der Besatzung in die eine Wache und die andere Hälfte in die andere Wache eingeteilt wurden. Jeder hatte eine Rollenkarte, welche die entsprechende Farbe, rot für Backbord, grün für Steuerbord, aufwies. Auf dieser Rollenkarte war genau festgehalten, wer was in welcher Situation zu tun hatte. Diese Karte war an Mann zu führen. Der Wachrhythmus bestand immer aus sechs Stunden Wache, sechs Stunden Tagesdienst bzw. Freiwache. Wachwechsel war also immer um 6:00 Uhr, 12:00 Uhr, 18:00 Uhr und 24:00 Uhr. Gelegentlich wurde die Mittagswache geteilt, so dass die einzelnen Wachen auch mal in den Genuss des jeweils anderen Rhythmus kamen.
Beim 3er Stropp wurde die Besatzung, wie der Name schon sagt, in drei Wachen aufgeteilt. Dieser Rhythmus war der Beliebteste, da man hier vier Stunden Wache und acht Stunden Tagesdienst bzw. Freiwache hatte, was nicht ganz so anstrengend war. Wachwechsel war hier immer um 8:00 Uhr, 12:00 Uhr, 16:00 Uhr, 20:00 Uhr, 24:00 Uhr und 4:00 Uhr.
Wie beim 2er Stropp gab es auch beim 3er Stropp für die um 24:00 Uhr aufziehende Wache den Mittelwächter. Hier wurde in der Kombüse immer eine kleine heiße Mahlzeit bereitet.

Bild 2 von 3Meine erste Seefahrt war auch gleichzeitig mit meiner ersten Seemannstaufe verbunden. Wir überquerten den Polarkreis, und hier fordert Neptun natürlich seinen Tribut und duldet kein ungetauftes Pack. Dies bedeutete, jeder der eine entsprechende Urkunde aufweisen konnte, aus der hervorging, dass er bereits die Polartaufe hinter sich gebracht hatte, war fein raus. Alle anderen mussten sich den Launen Neptuns unterwerfen.
Ich hatte, wie sich später noch herausstellen sollte, Glück, ich musste lediglich einen Hering in Tabasco verzehren und einen widerlich schmeckenden Schnaps trinken. Zum Zeichen, dass man erfolgreich getauft wurde, bekam der Täufling eine blaue Nase. Auch der "Rommel" wurde die Nase blau angemalt.

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