Zer­störer Rommel

Ein Jahr als Mannschaftsdienst

4. Quartal 1988 - J M C

Anfang des IV. Quartals 1988 wurde ich zum Gefreiten befördert. Endlich konnte auch ich meine Schulterklappen schmücken, waren diese doch als Matrose immer leer geblieben.

Für einige Kameraden hieß es erst einmal den Seesack für eine Ausbildung in Neustadt in Holstein zu packen, so auch für mich. In Neustadt stand ein Schiffssicherungs­lehrgang an, auf welchem Brand- und Leckabwehr in Theorie und Praxis geübt wurde. Die Praxis war natürlich das Interessanteste, so wurden dort wirkliche Lecks simuliert, die es zu stopfen galt. Oder ein Brand auf der alten "Scharnhorst" wo man einen verqualmten Niedergang runter musste, um dann ein reales Feuer zu löschen. Natürlich wurde auch noch die Situation geübt, wie man eine Rettungsinsel betritt, und auch hier war man der Realität dank des Wellenbads sehr nah. Nach diesem Lehrgang fuhr uns der Bus jedoch nicht nach Kiel, unserem Heimathafen, sondern nach Rendsburg, da die "Rommel" dort zum Rendsburger Herbst verlegt wurde.

Auch stand wieder eine Seefahrt an, welche den Namen J M C trug. Bei diesem Manöver wurden wir unter anderem vom Zerstörer "Hessen" und dem Versorger "Eifel" begleitet. Es sollte eine kalte und für mich lehrreiche Seefahrt werden.

Eine Seefahrt bei der Marine dient der Ausbildung. So muss natürlich auch die Kraftstoffübernahme auf hoher See geübt werden.
Hierzu fährt das Schiff, welches den Kraftstoff übernehmen soll, von hinten an die Back- bzw. Steuerbordseite des Versorgers heran. Wenn beide Schiffe parallel fahren, wird ein kleines Tau von einem zum anderen Schiff geworfen. An dieses kommt ein kräftiges Seil, an welchem dann die Kraftstoffleitung hängt. Nun wird die Kraftstoffleitung zum anderen Schiff herübergezogen.
Während der Kraftstoffübernahme sind die verschiedensten Abschnitte auf dem Zerstörer gefordert. Das Deckspersonal, welches die Kraftstoffleitung von einem zum anderen Schiff verholt. Die Schiffssicherung, welche die Kraftstoffübernahme durchführt. Das Brückenpersonal, welches während der gesamten Zeit das Schiff parallel zum Versorger halten muss. Und natürlich das Antriebspersonal sowie die E-Mixer, die sich in dieser Zeit kein "Feuer aus" erlauben dürfen.

Bild 6 von 14Neben dem Manöver einer Kraft­stoff­über­nahme gab es auch einen Helo-Transfer. Hier ist der E-Mixer gefordert. Er muss dafür sorgen, dass der Helikopter das gleiche Potenzial wie das des Schiffes bekommt. Ansonsten könnte es lebensgefährlich für den werden, der auf dem Schiff das Stahlseil des Helikopters berührt.
Das Stahlseil wird heruntergelassen und vom E-Mixer mit einer Holzstange, an deren Ende sich ein halbrundes Stahlstück befindet, welches mit einem Kabel am Rumpf des Schiffes verbunden ist, herangeholt. Der E-Mixer ist selbstverständlich mit entsprechender Schutzbekleidung - dicke Gummihandschuhe und Schutzbrille - ausgestattet, so dass er vor Funkenpflug geschützt ist. Hat er das Stahlseil, kann dieses an Bord gezogen werden und die entsprechende Last eingehängt werden.

Ich lernte dann auch den ersten offen bekennenden Schwulen bei der Marine kennen, einen Obergefreiten (SaZ), welcher durch seine Offenheit jedoch von vielen geschnitten wurde. Nach außen gab er sich immer lässig, wie ich jedoch in diversen Unterhaltungen mit bekam, war es wohl doch nicht immer so einfach für ihn. Deshalb kann ich Betroffenen nur empfehlen, die Lage bei jedem neuen Kommando erst einmal zu sondieren, bevor man gleich mit der Tür ins Haus fällt.

Neben der eigentlichen Seefahrt sind natürlich auch die Hafenaufenthalte in fernen Ländern eine Attraktion. Wir sollten ein Wochenende im Hafen von Rosyth liegen und auch Landgang haben.
Rosyth selbst war eine uninteressante Hafenstadt. Jedoch war man mit der Bahn schnell in Edinburgh, das uns magisch anzog. Da ein Schiff immer besetzt sein muss, hatte immer eine Wache an einem Tag Dienst und am nächsten Tag die andere Wache. Dies bedeutete für mich, dass ich nach Dienstschluss, dies war in den Häfen i.d.R. immer nach dem Morgenreinschiff, einen Tag frei haben würde.

Bild 13 von 14Wir fuhren von Rosyth mit der Bahn nach Edinburgh, um diese Stadt zu erobern. Den Nachmittag hatte ich mit Sightseeing sehr gut überstanden. Nur hätte ich vielleicht am Abend mit meinem damaligen Lieblingskameraden nicht noch einmal nach Edinburgh hereinfahren sollen.
Wir wollten uns einen schönen Abend in einem der vielen Pubs machen. Nachdem wir meinten, einen geeigneten Pub gefunden zu haben, bestellte sich jeder von uns einen Barcadi/Cola. Für mich war es das, ich kippte sprichwörtlich vom Hocker. Wäre ich nicht mit diesem Kameraden - einem Bayern - unterwegs, ich wäre wohl nie wieder an Bord gekommen. Wie er mich an Bord gebracht hat, kann ich nicht sagen. Es war wohl nicht sehr einfach, zumal wir ja einen weiten Weg vor uns hatten. Ich wachte am nächsten Morgen im Sanitätsbereich auf, wo ich meinen Rausch ausgeschlafen hatte. Im Nachhinein war klar, dass in meinem Glas KO-Tropfen gewesen sein mussten.
Natürlich hatte dieser Ausfall für mich Folgen. Ich wurde, da ich nicht zur Morgenmusterung erschien, mit einer EZM überzogen und durfte in Rosyth nicht mehr an Land und hatte mich die folgenden drei Tage abends, um 22:00 beim IO abzumelden. Dass ich nicht mehr an Land durfte, war für mich keine Strafe, da ich eh Wache hatte. Und dass ich mich abends beim IO abmelden musste, war nur für den IO eine Strafe, da ich diesen gleich am ersten Abend aus dem Bock holte, um mich abzumelden. Die nächsten beiden Abende, wir waren bereits wieder auf See, sollte ich mich dann beim Wachhabenden abmelden.
Nachdem dies nun mein zweiter Ausfall während meiner bis dahin kurzen Bundeswehrzeit war - ich hatte in der Grundausbildung in der Disco "Brommy" einen über den Durst getrunken - beherzigte ich fortan den Spruch des Hauptabschnittsbootsmann - "Wer saufen kann, kann auch arbeiten". Ich fehlte fortan bei keiner Musterung mehr, wenn vielleicht auch nicht immer nüchtern.

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