Zer­störer Rommel

Ein Jahr als Mannschaftsdienst

2. Quartal 1989 - AAG 107/89

Hatte ich im vorangegangenen Quartal ein für mich damals rätselhaftes Schreiben von der SDM erhalten, ging das Bordleben nach meinem Urlaub - ja auch Marine-Soldaten haben Urlaub - ganz normal weiter. Nur waren jetzt einige meiner Kameraden befördert worden. Auch ich hätte eigentlich nach sechs Monaten als Gefreiter befördert werden müssen. Aber nichts da, dies war also die Erklärung für das rätselhafte Schreiben - dies musste eine Bestrafung meines kleinen Lapsus in Rosyth sein.

Unser Dampfer war nun überholt aus der Werft entlassen, und es standen die Vorbereitungen zu meiner ersten ganz großen Fahrt an, der AAG 107/89. Für so eine lange Fahrt musste man natürlich neu eingekleidet werden, da es sehr warm werden sollte. Also bekam die ganze Mannschaft erst einmal zusätzlich Uniformen bzw. Erweiterungen der Vorhandenen.

Während dieser Zeit kam dann eines Tages der EO auf mich zu und fragte mich entsetzt, was ich denn schon wieder verbrochen habe, der IO wolle mich unbedingt sprechen. Ich war mir keines Vergehens bewusst und hätte eigentlich sehr gelassen beim IO vorstellig werden können. Aber ich hatte einen mords Bammel vor dessen Dienstgrad KKpt. Ich meldete mich also so militärisch, wie ich konnte, bei dem IO. Dieser bat mich in seine Kammer und bot mir einen Stuhl an. Er musste mitbekommen haben, dass mir die Situation überhaupt nicht behagte, so dass er gleich zur Sache kam und meinte, dass es nicht immer negative Dinge sein, weshalb man zum IO müsse. Er hätte da heute ein Schreiben erhalten, mit welchem ich zum HG befördert wurde. War ich glücklich, nichts Negatives, sondern von Gefreiten zu Hauptgefreiten, also einen Dienstgrad übersprungen! Er erklärte mir dann auch noch, dass mein Schreiben von der SDM aus dem vergangenen Quartal eine neue Stellenbeschreibung gewesen sei und ich mit dieser auf einer HG Planstelle säße.

Dann war es soweit, am 17. April hieß es klarmachen zum Auslaufen Richtung Schlicktown, wo wir auf die anderen Schiffe treffen sollten. Für uns E-Mixer hieß es also mal wieder Kabelziehen.

So eine AAG bedeutet auch immer, dass man nicht alleine unterwegs ist, sondern in einem großen Verband die außerheimischen Gewässer erkundet. Dazu gehörte neben unserer "Rommel" der Zerstörer "Schleswig Holstein", welcher von uns liebevoll einfach "Holzbein" genannt wurde.
Auch zwei "NATO-Garagen" gehörten dem Verband an, die Fregatte "Niedersachsen" und die Fregatte "Köln". Durch ihren Hangar für die max. zwei Helikopter entsprach die Silhouette der modernen Fregatten bei Zerstörerfahrern nicht der eines eleganten Kriegsschiffes. Vielleicht war es aber auch nur der Neid, da das Leben auf einem älteren Zerstörer nicht ganz so komfortabel war.
Da die Besatzungsmitglieder dieser vier Dickschiffe versorgt werden wollten, fuhren auch noch der Versorger "Coburg" und der Betriebsstofftanker "Spessart" mit.

Bild 6 von 195Unsere Reise war international ausgerichtet, weshalb ich mir neue Bezeichnungen merken musste. Es wurde nicht mehr von Zerstörer, Fregatte oder Versorger gesprochen, sondern immer von z.B. FGS "Rommel" usw.
Natürlich brauchte es für so einen Verband auch eine Führung, die German Task Group 501.4. Diese Task Group, der ca. zehn Kameraden angehörten, wurde als zusätzliche Besatzung auf die FGS "Niedersachsen" eingeschifft, welches somit das Führungsschiff war. Böse Zungen behaupteten, die Kameraden hätten sich auf dem Holiday-Dampfer eingeschifft, um ein schöne Urlaubsreise mit Y-Tours zu unternehmen.

Nachdem wir nun die anderen Schiffe in Schlicktown abgeholt hatten, ging es los. Vorrangig fuhren wir im 3er Stropp, also der angenehmeren Wacheinteilung. Ich gehörte wieder der dritten E-Mixer Wache an, dessen Leitung der OMt Bräunlich hatte, der beste E-Mixer Unteroffizier, den wir hatten.

Wir waren noch keine drei Tage auf See, da erklärte HBtsm Radon, der Haupt­abschnitt 200 Bootsmann, dass ich ab sofort ihm unterstellt sei, da sein Gast im nächsten Quartal auf den Unteroffizierslehrgang solle und wieder zurück in seinen Abschnitt müsse. Da mein EM dies Ansinnen ebenfalls unterstützte, war ich also fortan dem Hauptabschnittsbootsmann unterstellt. Dies bedeutete für mich ab sofort keine Wache mehr und eigene Arbeitseinteilung. Ich war dem Hauptabschnittsbootsmann nur unterstellt, so dass die disziplinarische Führung weiterhin bei meinem EO und EM lagen. Ich bekam morgens nach der Musterung von ihm gesagt, was ich bis wann zu erledigen hatte und konnte dann den lieben langen Tag machen, was ich wollte. Wichtig war nur, dass ich die mir aufgetragenen Aufgaben bis zum Enddatum erledigt hatte. Ich hatte also so eine Art Schreibstubenjob geerbt, welcher jedoch mit Privilegien verbunden war.

Nach acht Tagen auf See war einlaufen Las Palmas angesagt, unser erster Hafen­aufenthalt auf dieser Reise.

Gran Canaria, die Urlaubsinsel vieler Deutscher - und wir Marine-Soldaten mitten drin. Wir hatten drei Tage Landgang, wobei dies nicht hieß, dass alle Mann von Bord konnten. An jedem Tag hatte eine andere Wache dienst, so dass immer zwei Wachabschnitte Landgang hatten. Oder um es einfach auszudrücken: Jeder hatte i.d.R. zwei Tage Landgang. Klar, morgens war noch Tagesdienst angesagt mit Reinschiff und solchen tollen Aufgaben, aber dann ging es los.

Dauerwächter haben auf See 24 Stunden Bereitschaft, sind i.d.R. schon länger an Bord und sollten somit ihren Abschnitt sehr gut kennen. Wenn dann mal etwas in ihrem Abschnitt nicht läuft, für dessen Fehlerbehebung die Wache keine Zeit hat, müssen die Dauerwächter ran. Dafür hatten Dauerwächter in Häfen das Privileg, dass sie dort auch keine Wache gehen mussten.
Da ich jedoch Dauerwächter der Hauptabschnittsschreibstube war, hatte ich eigentlich keine Einsätze und somit auf See nichts auszustehen, weshalb ich freiwillig in jedem Hafen meine 3. EMI-Wache unterstützte, so dass ich nicht ganz aus dem E-Abschnitt gekommen bin. Auch habe ich gelegentlich auf See die Hundewache eines E-Mixer Gasten (egal aus welcher der drei Wachen) übernommen, so dass dieser mal eine Nacht ausschlafen konnte.

Bild 18 von 195Die Kameraden, die den ersten Tag Wache hatten, brauchten nicht in Uniform an Land zu gehen, da nur der erste Tag Uniform befohlen war. Das machte mir jedoch bitte gar nichts, war ich doch stolz auf meine Uniform. Der zweite Tag an Land stand ganz im Zeichen der Kultur. Ich war mit HG Fries unterwegs und hatte so einen ausgezeichneten Führer. Mit unseren paar Peseten, die wir noch vom Vortag übrig hatten, konnten wir sogar noch ein richtiges Menü zu uns nehmen, obwohl wir schon Angst hatten, dass unser Geld dafür nie ausreichen würde und wir dort noch die Teller waschen müssten.

Nach der kurzen Hafenliegezeit in Las Palmas stand eine längere Seefahrt über den Atlantik an. Natürlich wieder mit allerlei Übungen, denn nur eine Mannschaft, die ständig übt, kann in Not- oder Gefahrensituationen auch richtig und schnell handeln.

So wurden neben den Gefechtsübungen auch diverse Manöver gefahren, unter anderem z.B. auch das Kuttermanöver. Das Kuttermanöver ist immer dann wichtig, wenn auf See ein oder mehrere Personen oder auch Gegenstände von dem einem zu dem anderen Schiff transferiert werden müssen. Wir übten diese Manöver gerne sonntags, um die Kameraden zum Gottesdienst zu bringen. Ja, auf dieser Reise war auch ein Militärpfarrer eingeschifft. Diese Gottesdienste waren bei vielen Gasten sehr beliebt, waren sie dann doch vom Reinschiff befreit, welches in der Regel zum gleichen Zeitpunkt stattfand.
Vielleicht noch ein Wort zum Sonntag. Ein Seemann kennt zwei Sonntage, den, den alle kennen und den Seemannssonntag. Der Seemannssonntag ist immer der Donnerstag, an dem es dann nachmittags auch Kuchen gab. Dies ist im Hafen wie auf See so, hatte bei uns aber nichts mit dem Gottesdienst zu tun.

Als wir so mitten im Atlantik waren, entdeckte ich eines Tages, dass an Oberdeck etwas Merkwürdiges vor sich ging. Es wurde ein großer Behälter aufgebaut, in den dann auch noch Wasser eingelassen wurde. Die Auflösung kam dann auch sehr schnell, als der IO und der Komo unser Planschbecken einweihten - ich war also auch auf einem Holiday-Dampfer gelandet. Wobei unser Schiff gegenüber den Fregatten ein wirklicher Dampfer war, es wurde mit Wasserdampf angetrieben, die Fregatten hingegen mit Antriebsdieseln.
Für mich als Dauerwächter war dieser kleine Swimmingpool natürlich genau richtig, konnte ich mir doch die etwas nicht so belegten Zeiten zum Baden aussuchen, während andere darin saßen wie die Ölsardinen.

Man glaubt es kaum, aber wir waren schon 1989 ein sehr fortschrittlicher Dampfer und unserer Zeit um ein paar Jahre voraus. Eigentlich bringen Frauen an Bord ja Unglück, aber wir hatten welche dabei - und was für welche. Heute ist es ja keine Besonderheit, dass auch Frauen bei der deutschen Marine in allen Verwendungs­reihen ihren Dienst tun, damals gab es Frauen, wenn überhaupt nur im Sanitätsbereich.
Unsere "Trümmerfrauen" kamen aus dem VMD und waren somit allesamt Heizer, also Kellerkinder wie ich auch.

Bild 35 von 195Es war mal wieder Stimmung an Board und wir feierten das Atlantiksportfest, welches unter dem Motto "40 Jahre BRD" stand. So wurde unter anderem das Brandenburger Tor aufgebaut oder eine Luftbrücke mit Rosinenbombern erstellt.
Man achte auf die Bannerwerbung, welche natürlich auch nicht fehlen durfte. Auch hier waren die Heizer wieder einmal sehr selbstbewusst vertreten. Was mir allerdings bis heute unbegreiflich bleibt, woher die ganzen Utensilien kamen, auch wenn diese in liebevoller Kleinarbeit selbst erstellt wurden, so mussten doch die Materialien mit an Bord gewesen sein.

Irgendwann ist auch die längste Schiffspassage einmal zu Ende, und der nächste Hafen Roosevelt Roads auf Puerto Rico erwartete uns. Dies war ein US-Navy Stützpunkt, der das Ausmaß einer Stadt hatte. Hier waren eigene Shops für die Marine-Soldaten, wo wir uns natürlich auch gleich eingedeckt haben. So günstig bin ich nie wieder an qualitativ sehr gute T-Shirts gekommen.
Von hier starteten wir zu unseren eigentlichen Übungen - dem Luftabwehr­schießen. Aber wenn man dann schon mal da ist, dann darf man natürlich auch nicht die schönen karibischen Inseln und Strände verpassen, so dass wir an den Wochenenden immer in einen anderen Hafen einliefen.

Unser dritter Hafenaufenthalt für diese Reise war St. Thomas in der Karibik. Ich war wirklich da, wo andere per Kreuzfahrtschiff viel Geld dafür bezahlen, um dort hinzukommen. Und das Tollste, ich wurde dafür bezahlt, um dort zu sein. Bekam man auf See pro Tag die Seezulage, ich als Heizer auch noch die Heizerzulage, so bekamen wir in Häfen die Hafenzulage. Auch hier haben wir natürlich gleich die Insel erkundet.

Für meinen letzten Tag Landgang stand Strandleben auf dem Plan. Natürlich war wie jeden Tag im Hafen erst einmal Reinschiff und nach der Ronde konnte es dann losgehen. Ziel war der wohl schönste Strand der Karibik, die Trunk Bay of St. John. Hier konnte man sich Schnorchel und Flossen ausleihen und der Meeresfauna auf den Grund gehen. Es war für mich einer der schönsten Strandtage, die ich jemals hatte.

Leider neigen sich die schönen Tage auch einmal dem Ende, so dass wir wieder auf See mussten.

Bild 75 von 195Es wird Zeit, dass ich die Kameraden der 3. EMI-Wache, meiner eigentlichen Wache, vorstelle. OMt Bräunlich war der Wachführer, also der, der das Sagen hatte. Dann gab es noch Mt Klettke, OG Klein (Teo), G. Brückner, G. Hegner und mich. Da ich jedoch Dauerwächter war, musste diese kleine Truppe auf See i.d.R. ohne mich auskommen - im Hafen war ich dann jedoch wieder dabei.
Nicht dass jetzt ein falscher Eindruck wegen der Fotos entsteht, es war Freiwache und außerdem trinken wir kein Bier, das sieht nur so aus :-) Dies ist im übrigen unsere Khaki Tracht, in welche wir vor Reiseantritt noch eingekleidet wurden - eigentlich ganz schick und bequem.

Natürlich gab es auch wieder ein paar Übungen, so z.B. die Kraftstoffübername. Gut nur, dass wir unseren eigenen Versorger und Tanker immer dabei hatten.

Wieder Wochenende und wieder ein neuer Hafen. Der vierte Hafenaufenthalt führte uns nach San Juan auf Puerto Rico. San Juan ist bekannt durch seine Festung "San Cristobal", welche uns schon bei Einlaufen mit ihrer Imposanz beeindruckte.

Hier habe ich auch meine erste Pina Colada getrunken, welche ich bis heute gerne trinke, nur leider auch bis heute nie wieder eine so gute Zubereitung gefunden habe.

Auch in San Juan wurden wieder kleine Busreisen angeboten, die uns z.B. eine Bacardi-Besichtigung ermöglichten und / oder uns in den Regenwald auf Puerto Rico führten. Gegen Ende fuhr der Bus dann immer noch an den Strand, welcher aber in keinem Punkt an die Trunk Bay of St. John herankam.

Der Bus mit den Kameraden der Bacardi-Besichtung kam nach der Besichtigung jedoch nicht so richtig voran, da er immer wieder anhalten musste, damit der ein oder andere Kamerad sich erleichtern konnte. Vom Strand haben einige dann nicht mehr viel mitbekommen und die, die noch nicht genug bei Bacardi bekommen hatten, konnten an der Strandbar einfach weiter machen.

Auch dieses Wochenende war wieder viel zu schnell zu Ende gegangen, und so war die Zeit gekommen, dass wir der Karibik unser Heck zeigen mussten. Aber wir wären keine Blauen Jungs, wenn wir auch dies nicht zu feiern wüssten.
Das karibische Abschiedsessen stand auf dem Plan. Unsere Smuts haben sich selbst übertroffen und haben ein unvergessenes karibisches Abschiedsbuffet gezaubert. An dieser Stelle sei erlaubt auch einmal die Smuts zu loben, die wirklich immer sehr gut gekocht haben - wie kann es sonst sein, dass viele auf dieser Reise zugelegt haben.

Für den kommenden Hafen standen wieder offizielle Empfänge an, so dass wir unsere erste Geige auf Vordermann bringen mussten. Natürlich gehörte dies nicht zu unseren Lieblingsaufgaben, aber eitel wie wir nun mal waren, mussten wir unser Ergebnis auch bildlich festhalten.

Bild 101 von 195Eine starke Truppe - 6/10 E-Mixer-Gasten:
G Ulrich, G Bischoff, OG Neubert, HG Lange, HG Streich, OG Haumer

Die USA waren unser Ziel, genauer Fort Lauderdale in Florida sollte unser fünfter Hafenaufenthalt werden. Wie in fast jedem Hafen mussten auch hier die E-Mixer das Schiff ein wenig schmücken, und wir durften in die Masten. Unsere Lichterkette hatten wir i.d.R. immer sehr schnell aufgezogen, auch wenn mal ein paar Glühlampen defekt waren. Dass dies auch anders sein konnte, sollte ich später noch erfahren.

In diesem Hafen hatten wir uns ein Auto gemietet, denn was lag näher, wenn man schon mal in Florida war, auch die Everglades und Miami aufzusuchen, zumal es von Fort Lauderdale nicht so weit entfernt ist.
In Miami haben wir uns ein hohes Hotel ausgesucht, sind dort einfach reinspaziert, mit dem Fahrstuhl ganz nach oben gefahren und die letzte Etage über die Treppen. Glück muss man haben, die Tür zum Dach war nicht verschlossen, so dass wir den wohl besten Überblick über diese tolle Stadt bekamen.
Auch dem Strand von Miami konnten wir nicht widerstehen, waren jedoch nicht vorbereitet, so dass wir die Dämmerung abwarteten um dann im Adamskostüm in die Fluten zu springen. Dies war natürlich sehr leichtsinnig, da Nacktbaden streng verboten war und wir hierfür, wenn wir erwischt worden wären, eingesperrt werden hätten können.

An dieser Stelle möchte ich mal ein paar Bilder aus der Heizerei zeigen. Schließlich gehörte ich ja auch zu den Kellerkindern, wenn auch, da ich ja E-Mixer war, zu den Edelheizern.

So ein Zerstörer wurde nicht mit Dieselmotoren angetrieben, sondern mit Dampfturbinen. Und da so ein Zerstörer nun mal ein Kriegsschiff war, war alles doppelt. Es gab also einen Turbinenraum eins und zwei, einen Kesselraum eins und zwei sowie ein E-Werk eins und zwei. Die E-Werke waren in den jeweiligen Turbinenräumen untergebracht. In den Turbinenräumen waren jeweils zwei Turbinen, so dass wir auch je zwei E-Turbos hatten. In den Kesselräumen gab es natürlich auch jeweils zwei Kessel, in welchen der Wasserdampf erzeugt wurde, welcher in den Turbinenräumen die Turbos antrieb. Hätte uns jetzt z.B. ein feindliches Schiff in Höhe von z.B. T I getroffen, so hätten wir immer noch mit T II und K I oder K II weiterfahren können.

Bild 151 von 195E-Werk I wurde i.d.R. immer von einem E-Mixer Unteroffizier gefahren, während in E-Werk II ein E-Mixer Gast saß, der auf die Anweisungen aus E-Werk I reagieren musste. Zur Übung haben wir dann auch schon mal die Last von dem einen E-Turbo auf den anderen gegeben. So wurde der Strom mal kompl. von E-Werk I und mal von E-Werk II erzeugt, wozu jedoch im jeweiligen E-Werk dann beide E-Turbos am Netz sein mussten. I.d.R. wurde das Schiff jedoch immer mit jeweils einem E-Turbo aus jeweils einem E-Werk mit Strom versorgt. Nur ein E-Turbo allein war zu schwach, um wirklich das ganze Schiff über einen längeren Zeitraum zu versorgen. Dabei hätten wir mit unseren vier E-Turbos locker eine Kleinstadt mit Strom versorgen können.

In unserem sechsten Hafen Norfolk war Fotografieren strengstens verboten, da es sich wieder um einen US-Navy Stützpunkt handelte. Dort lagen aber auch erheblich mehr Schiffe, Schiffe, gegen welche unsere "Rommel" als Beiboot wirkte, so dass hier erheblich strenger kontrolliert wurde.
Unser Hauptanliegen war hier die Proviantübernahme, was nicht besonders interessant war, so dass ich an dieser Stelle mal wieder eine kleine Geschichte vom Bordalltag erzählen möchte.

Es war wieder eine dieser Nächte, an denen in unserem Deck der Bär oder was weiß ich für ein Tier nackt auf der Back tanzte. Waren wir E-Mixer schon in dem äußersten Winkel des VMD untergebracht, so war doch die Stereo-Anlage in dieser Nacht mal wieder nicht zu überhören. Es lief wie schon so oft unentwegt "Nächte übers Eis", was wir schon auswendig kannten. Wir hatten uns jedoch schon vor längerer Zeit bei unseren Böcken einen Schalter installiert, welchen wir wieder einmal betätigten. Es machte "rums", die Stereo Anlage war aus. Dies kannte die feiernde Meute schon, konnte jedoch, auch mit Hilfe des EMs, den "Fehler" nie finden.
Diesmal waren wir jedoch offensichtlich zu weit gegangen, so dass einige von uns E-Mixern, welche sich zum größten Teil einer Deckstaufe immer entzogen hatten, einer Nottaufe unterzogen wurden. Mein ganzer Bock und ich stanken nach Bier, als ob wir in ein Bierfass gefallen wären.
Ich schwor Rache und erzählte, dass ich eine Beschwerde schreiben würde. Am nächsten Tag saß ich an meinem Schreibtisch im Schiffsicherungsgefechtsstand und verfasste ein entsprechendes Schreiben. Während des Schreibens wurde von einigen Heizern immer wieder geprüft was ich da schreib, da auch damals bereits Deckstaufen verboten waren. Ich hatte jedoch nie die Absicht, das Schreiben jemals abzugeben, hatte aber erreicht, dass von dort an Ruhe herrschte und ich in gewisser Weise sogar geachtet wurde.
Hierzu muss man vielleicht noch wissen, dass wir E-Mixer i.d.R. bei einigen Turbinen- und Kesselfahrern nie so richtig als Heizer angesehen wurden, eher als Hilfsheizer. Für uns jedoch stand fest, dass das E von E-Mixer für Edelheizer stand.

Bild 121 von 195Hafen Nummer sieben sollte eine richtige Metropole und die für mich die bis dahin größte Stadt, in der ich je war, werden. Die Universitätsstadt Boston im US-Bundesstaat Massachusetts war unser Ziel. Dies war ein hochoffizieller Besuch mit einer großen Militärparade, bei welcher ich zum Glück nicht mitlaufen musste.

Hier war mal wieder der erste Tag Landgang in Uniform befohlen, und so machten wir uns in unserem schönsten Dress auf Erkundungstour. USA, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und das Geburtsland der Jeans. Hier musste es doch diese begehrten Hosen besonders günstig geben, so dass wir ein paar Geschäfte abklapperten. Ich weiß noch wie ich in einem Laden vor einem Spiegel stand, das Oberteil meiner schicken Uniform und unten herum eine neue Jeans. Da guckte so manch ein Amerikaner dann doch etwas unglaubwürdig schon zweimal hin. Ob ich mir damals eine Jeans gekauft hatte, kann ich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen.

Ich war mal wieder mit meinem Kameraden HG Fries unterwegs und hatte wieder einen perfekten Stadtführer. Wusste er doch, dass wir nur der auf der Straße aufgemalten roten Line folgen mussten, um alle Sehenswürdigkeiten zu sehen.

Dass der Kamerad musikalisch war, wusste ich ja bereits, hatte er doch auf dieser Seefahrt sein Keyboard dabei und leitete unseren Musikchor. Ja, wir hatten damals unseren eigenen "Rommel"-Musikchor - der Verpissstation für das reinschifffaule Pack. Aber dass er auch Orgel spielte, wurde mir erst jetzt bekannt. Er wollte hier unbedingt einmal auf einer Orgel spielen. Was lag also näher, als in eine Kirche zu gehen und mal zu fragen. Und tatsächlich, ich kann es bestätigen, HG Fries hat es geschafft und in Boston auf einer Orgel gespielt.

Unsere E-Mixer-Kasse war randvoll und sollte in diesem Hafen geplündert werden. Leider wurde das Ziel der Mehrheit gewählt, es sollte in einen Tittenladen gehen. Dazu muss man wissen, dass man in solche Schuppen in den USA erst ab dem 21. Lebensjahr durfte. Wir mussten also ein paar Kameraden mit in diesen Laden schmuggeln. Was dann in diesem abging, möchte ich hier nicht wiedergeben, da es mir zu schmuddelig war. So haben dann auch einige Kameraden diesen Laden schnell wieder verlassen und somit den übrigen einen größeren finanziellen Spielraum ermöglicht. Wir, die wir das Weite gesucht hatten, haben dann schön Pizza in der City gegessen und waren so gesund der dreckigen und dunklen Gegend von Boston entkommen.

Im Hafen nebenan lag auch das älteste im Dienst befindliche Schiff der US-Navy, die "Constitution". Dieser Dreimastsegler durfte auch besichtigt werden, und auf einmal wirkte unsere "Rommel" doch sehr komfortabel. Hatten wir dies doch im Vergleich zu einer Fregatte immer anders gesehen.

Bild 138 von 195Wenn man dann schon mal da war, dann durfte natürlich auch ein Trip in die bekannteste Stadt der USA natürlich nicht fehlen. Dies wurde wieder, wie immer, vom Refü organisiert und gebucht. Ich als Hauptabschnitts-Schreibstubengast hatte auch wieder mal das Geld für diesen Ausflug von den Beteiligten des HA 200 einsammeln müssen - davon hätte man sich locker ein paar schöne Abende machen können.

Der Bus holte uns noch vor dem Aufstehen ab - wir waren an diesem Tag vom Morgenreinschiff befreit. Wir wurden durch die Bronx ins Zentrum von New York gebracht und dort abgesetzt. Es galt nun sich diesen Punkt einzuprägen, da uns am Spätnachmittag hier der Bus wieder einsammeln würde.

Das war also nun New York City: riesengroß, und wir hatten nur ein paar Stunden Zeit. Als Erstes haben wir uns per U-Bahn auf den Weg zur Ablegestation der Dampfer gemacht, die Richtung Ellis Island fuhren. Wir sind jedoch nicht von dem Dampfer gegangen, da eine riesige Menschentraube vor dem Einlass der Freiheitsstatue stand und uns unsere kurze Zeit dafür zu schade war. Dafür haben wir einen herrlichen Blick auf New York vom Wasser aus gehabt, welchen es heute so leider nicht mehr gibt.
Ganz klar kann man in so einer kurzen Zeit New York nicht kennen lernen. Wir haben auch nur einen ganz kleinen Teil dieser Stadt gesehen, da wir uns nicht verlaufen wollten, um nicht unseren Bus zurück zu unserer "Rommel" nach Boston zu verpassen.

Damit jetzt nicht ganz der Eindruck entsteht, dass wir nur Holiday und Party gemacht hätten, hier ein paar bildliche Beweise. Hatte ich bereits vom Kuttermanöver geschrieben, so reiche ich hier die weiteren Möglichkeiten von Transfers nach. Ganz klar und auch schon geschrieben, der Helo-Transfer.

Eine dritte Möglichkeit ist Manila highline. Hierbei fahren die beiden Schiffe, die etwas transferieren möchten, seien es nun Waren oder Soldaten, ganz dicht nebeneinander her, fast so wie bei Kraftstoffübernahme. Dann wird von einem Schiff eine dünne Leine mit kleinem Sandsack als Beschwerung auf das andere Schiff geworfen. Mit dieser Leine werden dann zwei starke Seile zum anderen Schiff gezogen. Nach dem diese Seile entsprechend stramm gezogen sind, kann der eigentlich Transfer beginnen.

Selbstverständlich wurde auf dieser Fahrt auch geschossen, ich konnte jedoch nur einmal einen Schuss aus Turm Alpha fotografieren. Beim FK-Schießen machte meine Kamera nicht mit bzw. ich war zu langsam.

Diese drei Bilder gehören vom Aufnahme­zeitpunkt her zwar nicht zusammen, aber ich finde, sie passen irgendwie doch zusammen :-) Was geht hier vor?

Vorbereitung

Bild 152 von 195In fast jedem Hafen wurde Proviant übernommen. Und wenn man sich das erste Bild ansieht, dann kann man verstehen, dass wir das bisschen was wir aßen lieber getrunken haben. Bei dieser Gelegenheit fällt mir ein, dass ich verraten kann, wie wir unsere E-Kasse gern auch mal aufgefüllt haben. Die Getränkepaletten wurden i.d.R. immer durch das Schott auf dem Achterdeck in die Lasten des Provi transportiert. Gelegentlich stand jedoch unten am Niedergang ein E-Mixer, welcher die ein oder andere Palette in Richtung E-Werkstadt zu unserer kleinen Last umleitete. Normal mussten die Abschnitte und Decks Ihr Paletten­kontingent beim Provi einkaufen - bei uns kam jedoch einige Paletten, warum auch immer, ohne Bezahlung an. Da wir jedoch immer pro Flasche / Dose unseren Strich auf der Strichliste machten, hatten wir folglich Überschuss in unserer Kasse.

Hauptstück

Natürlich musste in unserer Last vor einer neuen Proviantübername wieder Platz geschaffen werden, so dass wir gleich neben an in unserer E-Werkstatt gerne die ein oder andere Party gefeiert haben. Und was wären wir für E-Mixer gewesen, wenn wir es uns nicht mit einer bunten Lichterkette gemütlich gemacht hätten.

Nachspülen

Heißt es eigentlich "Du sollst mit dem weiter machen, mit dem du am Abend aufgehört hast", so war dies natürlich an Bord i.d.R. nicht möglich. Wir hatten ja niemanden dabei, der unseren Dreck wegmachte bzw. unsere Wäsche wusch. Aber wie heißt es auch so schön: "Selbst ist der Mann".
Unser Kantinenfahrer, wir hatten eine kleine Kantine in welcher es "Rommel"-Andenken und Süßigkeiten gab, war im zivilen Leben Friseur. Er erklärte sich gern bereit uns auf See die Haare zu schneiden und bekam dafür einen festgelegten Obolus.

Bevor wir unseren letzten Hafen anliefen, schied der Versorger "Coburg" aus dem Verband aus, da wir noch genug bis zum Einlaufen in unseren Heimathafen in unseren Lasten hatten.

Von den Bildern her könnte man fast meinen, dass die "Coburg" brennt und dieser Brand von uns mit C-Strahlrohr bekämpft wurde. Dem war jedoch nicht so, wir und die anderen Schiffe verabschiedeten uns nur recht freundlich auf unsere Art.

Unser achter Hafenaufenthalt war auch der letzte Auslandshafen dieser Fahrt und sollte für mich der Hafen der Entscheidung werden. In Cork / Irland war ich auch mal wieder mit OMt Bräunlich auf den vorderen Mast gestiegen, um ein paar Rundumbilder schießen zu können.

In dieser Stadt habe ich übrigens meinen ersten und letzten Schluck Guinness getrunken. Dieses dicke, dunkle Bier war und ist dann doch nicht mein Fall gewesen, so dass das Glas voll wieder zurückging. Ich fand, dass es wie dickflüssiges öl schmeckte, obwohl ich so etwas auch noch nicht probiert hatte.
Allerdings, die Kneipe, ich meine natürlich der Pub, war urgemütlich, man hatte den Eindruck, als säße man beim Wirt im Wohnzimmer.

Bild 165 von 195In diesem Hafen wurde mir eröffnet, dass ich von meiner "Rommel" Abschied nehmen sollte, um im nächsten Quartal auf die Unteroffiziersausbildung zu gehen. Dies passte mir jedoch überhaupt nicht, wollte ich doch erst einmal keine Schulbank mehr drücken. Da ich jedoch nie als UA eingestellt wurde und mich auch nicht beworben hatte, ging dies wohl nicht so einfach, so dass man mir eine kleine Frist bis Auslaufen Cork gab.

Da die "Rommel" für das kommende Quartal zur großen Werftüberholung anstand, was einer Werftliegezeit von mindestens einem halben Jahr gleich kam, ich jedoch etwas von der Welt sehen wollte, habe ich mich für das kleinere Übel entschieden. Nach langer reiflicher Überlegung und gutem Zureden habe ich dann das Angebot zur Unteroffiziersausbildung angenommen. Hätte ich damals gewusst, dass die "Rommel" dann doch nicht gleich in die Werft geht, sondern erst noch einmal den ersten Besuch der Deutschen Marine in Stalingrad absolvieren würde, ich wäre nie von meiner "Rommel" gegangen.
Aus heutiger Sicht kann ich jedoch sagen, dass es eine richtige Entscheidung war. Schließlich wird im Zivilleben darauf geachtet, wie sich jemand entwickelt hat. Und hätte ich nach vier Jahren die Marine nur als HG oder SHG verlassen, hätte dies bedeuten können, dass ich mich nicht engagiert habe oder aber zu dumm für die Unteroffiziersausbildung war.

An dem Abend vor meiner letzten Hafenwache hatten wir einen kleinen Disput mit einigen unserer Unteroffiziere, da diese die E-Werkstatt besetzten und uns nicht mitfeiern lassen wollten. Am nächsten Tag wollten diese Unteroffiziere dann dafür sorgen, dass die Gasten der Freiwache nach Reinschiff nicht von Bord konnten, da diese die E-Werkstatt aufzuklaren hätten, welche die Unteroffiziere den Abend zuvor in einem Feld der Verwüstung hinterlassen hatten. Ich konnte in allerletzter Minute den STO davon überzeugen, dass diese Kollektivstrafe nicht gerechtfertigt sei, so dass die Kameraden dann doch noch ihren Landgang bekamen. Die E-Werkstatt mussten dann im Übrigen die Herren Unteroffiziere aufklaren.

Bild 179 von 195Wie immer neigte auch diese Reise sich dem Ende zu. Nur dass unsere Reise so enden würde, hätten wir uns in unseren schlimmsten Träumen nie erträumt. Ich kam mir vor wie auf einer Sklaven-Galeere, mussten wir doch nach "Feuer aus" unsere Ruder hervorholen und unser Schiff per Muskelkraft voranbringen - nach dem Motto "Hier wird nicht geschludert, hier wird gerudert!"

Was war passiert? Steam Pass! Was bedeutete, dass wir vom Verband verabschiedet wurden. Und dass die Jungs bei Verabschiedung eines Schiffes aus Kummer durchdrehen, kannte ich ja schon von der Verabschiedung der "Coburg". Aber unsere Verabschiedung war die Krönung.

Okay, ich gebe zu vielleicht etwas dramatisiert zu haben. Wir hatten natürlich kein "Feuer aus", sondern nur unseren Heizergruß sprechen lassen. Bei "Feuer aus" würde der Rauch nicht schwarz, sondern weiß sein. Und die Ruder von unserem Kutter waren zum Winken gedacht.

Der Zerstörer "Schleswig-Holstein" ergoss sich vor lauter Trauer mit Feuerlöschschaum und Signalpulver.
Die Fregatte "Niedersachsen" versuchte uns mit einem C-Strahlrohr zu treffen, hatte natürlich gegen uns, die wir sehr gut vorbereitet waren, keine Chance. Wir erwiderten den Gruß mit unserem Turm Alpha, an den wir ebenfalls ein C-Strahlrohr montiert hatten. Es war zum Schluss noch einmal richtig Partystimmung an Bord.

Die Nacht vor dem Einlaufen in unseren Heimathafen ankerten wir, wie schon so oft, vor Kiel, um unsere "Rommel" so richtig auf Vordermann zu bringen. Schließlich kamen unsere ganzen Verwandten nach 73 Tagen Seefahrt, um uns zu begrüßen, und da mussten wir natürlich ein tolles Bild abgeben.

Das Einlaufen verlief dann auch wie geplant, und wir grüßten unser auf der Pier stehendes Empfangskomitee, wie es sich für ein richtiges Dampfschiff gehört mit einem anständigen Heizergruß. Jetzt hieß es noch einen Teil unserer Besatzung auf der anlegenden Seite Aufstellung beziehen zu lassen, und unsere Einlaufparade war perfekt.

Danke liebe "Rommel", dass ich mit dir diese tollen Fahrten machen durfte und so viel in nur einem Jahr erleben konnte! Für mich hieß es nun Abschied von meiner "Rommel" zu nehmen, um zu neuen, anderen Ufern zu gelangen.

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